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II. Es beginnt

Edgar sitzt mir gegenüber und sieht mich mit seinen gealterten Augen an. "Bereits damals im Unterricht wusste ich, dass du die Fähigkeit haben musst. Du warst immer so still und doch verstandest du Dinge, die keiner deiner Schulkameraden überhaupt zu bemerken schien", begann er wieder seine Geschichte. Es ist Jahre her. Seit ich auf der Schule war, schien mir Edgar wie eine Art Schutzpatron. Damals noch mein Lehrer, erkannte er als erster und bisher hoffentlich einziger Mensch, was ich bin. Ich bin eine Wolfsmond-Geborene. Der Wolfsmond findet alle 4 Jahre statt und ist in einer bestimmten Zeit im Januar zu sehen. Die Menschen im Mittelalter glaubten, dass dieser erstaunlich blaue Mondschein etwas mit Werwölfen oder Wölfen im Allgemeinen zu tun habe. Nun, ganz so ist es nicht, allerdings, wenn Planetenkonstellation und Mondschein sich bei der Geburt eines Kindes im richtigen Zusammenspiel befinden, entsteht ein Wandler. "Ria, trink doch deinen Tee, solange er warm ist!", weist mich mein Gegenüber an. Ich nippe, sehe ihn über den Tassenrand an und stelle dann die Tasse wieder ab. "Hast du es gefunden?", frage ich ihn. "Du weißt schon, das Buch." - "Nicht so laut!", entgegnet Edgar, sieht sich verstohlen zu seinen mit Brettern vernagelten Fenstern um und murmelt etwas unverständliches. Dann seufzt er und nickt kurz zu mir, steht auf und bedeutet mir, ihm zu folgen. Wir gehen den Flur entlang, erklimmen die drei Treppen, die in den obersten Stock führen. "Hier rauf!". Der alte Mann deutet zu einer Leiter, die in den Dachgiebel führt. "Da oben?", frage ich flüsternd. "Na gut, dann will ich mal...", ich setzt zum Sprung an und ziehe die an einer Klappvorrichtung befestigte Leiter zu mir. Sie quietscht leise und ich wundere mich, dass sie überhaupt funktioniert. Ich klettere an ihr hoch, Sprosse für Sprosse. Oben angekommen, blicke ich zu meinem Mentor, der unterhalb der Öffnung zum Dachboden auf mich wartet. "Es muss da ganz hinten rechts sein, im Regal!", er fuchtelt unbeholfen mit den Händen um mir grobe Richtungsangaben zu liefern. Er sieht so zerbrechlich aus. Einst ein angesehener starker Mann, nun ein Schatten seiner selbst. Ich schüttle den Gedanken ab und wende mich dem dunklen Dachboden zu. Zwei, drei Schritte weit kann ich im Schein des Lichtes, das von unten durch die Öffnung im Boden drang, sehen. Jedoch weiter nicht. Dunkelheit liegt vor mir. "Ähm, Ed? Gibt es hier oben Licht?", frage ich über meine Schulter hinunter. "Nein, da musst du dich wohl auf deinen... Spürsinn verlassen.", tönt es von unten.Was genau er damit jetzt wieder meint? Ich kenne diesen Unterton in seiner Stimme. Den hatte er bereits früher in seinen Unterrichtsstunden, wenn er wusste, dass ich der Lösung eines Problems auf der Spur war. Oder wenn ich kurz davor war, etwas zu verstehen. Ich taste mich voran, neben mir stehen ein alter Globus, eine kaputte Stehlampe ohne Lampenschirm und einige ausrangierte Stühle. Dann kommt Dunkelheit. Ich taste weiter, die alten Dielen unter meinen Füßen knarzen erheblich. "Warum müssen wichtige Dinge immer an den unmöglichsten Orten versteckt sein...?", murmle ich zu mir selbst, mache den nächsten Schritt. Plötzlich ändert sich etwas. Ich bilde mir ein, ich sähe bläuliche Schemen. Nein, ich bilde mir das nicht ein. Ich... blinzle. Blinzle erneut und kneife die Augen zusammen. Da, ganz sicher. Langsam schweben die Schwaden vor meinen Augen in Gebilde, die ich als Regale, Bodendielen und Stühle, sowie die Dachbalken und alte Koffer erkenne. "Ed?!", versuche ich ihn zu rufen, doch der Staub hier oben liegt mir schwer auf den Bronchien. Ich huste. Ich schlucke die Frage an ihn einfach herunter. Jetzt ist mir klar, was er mit seinem Unterton meinte. Meine Schritte werden jetzt schneller, da ich meine Umgebung nun in leuchtend hellem Blau wahrnehme. Da ist das Regal, welches Edgar gemeint haben musste. Es ragt über meinen Kopf, stößt fast bis an die oberste Dachlatte. "Na hoffentlich muss ich da jetzt nicht auch noch rauf klettern", grummle ich und beginne zu suchen. "A Wolf's Moon", so heißt das Buch. Ed hatte mir bereits im vorhinein berichtet, es schon irgendwo einmal gesehen zu haben. Suchend lasse ich meinen Blick über leuchten blau beschriftete Buchrücken streifen. Es soll angeblich viele Informationen enthalten, die ich brauchen kann. Aber in einem Haus eines ehemaligen Lehrers gibt es hunderte von Büchern. Jeden Platz, den Ed erreichen konnte, hatte er durchsucht. Nun fiel ihm ein, dass er auf dem Dachboden selbst nicht nachschauen kann. "Ah, hier!", mein Finger bleibt an einem Buch hängen. Ich ziehe es aus der untersten Reihe des Regals. Es ist schwer, hat einen alten, dicken Ledereinband und erscheint mir in hellem blau. Vorsichtig nehme ich es an mich, schaue mich noch einmal um und mache mich wieder daran, die Leiter zu Edgar hinunter zu steigen. "Hast du es?", frag dieser mich überflüssigerweise. Ich überreiche ihm wortlos den Wälzer, klopfe mich von Staub und Spinnweben frei und sehe ihn mit hochgezogener Augenbraue an. "Du hast es erstaunlich schnell gefunden.", sagt Ed mit einem verschmitzten Grinsen. "Ha ha. Du hast das doch gewusst! Hättest mich ja vorwarnen können...", erwidere ich. "Nein, ich habe es nicht gewusst. Aber vermutet." Mit dem Buch in den Armen begibt sich Ed in sein Studierzimmer, die Schritte auf den schweren Teppichen gedämpft. Seufzend folge ich ihm. Fortsetzung folgt....
18.3.14 11:36
 
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